Die folgenden Übertragungen der brasilianischen Liedtexte ins Deutsche von Frank Alva Buecheler und deren englische Fassung von Tim Clarke sind nicht als wortwörtliche oder gar musikgenaue Übersetzungen zu verstehen, sondern als freie Nachdichtungen, die Inhalte skizzieren, vor allem aber Stimmungen und Atmosphärisches der brasilianischen Originale einzufangen beabsichtigen. Sie entstanden unter Mitwirkung von Cristiane Roncaglio.

 

 

1.CHEGA DE SAUDADE(1958)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

SCHLUSS MIT SEHNSUCHT!

 

Mach dich fort, Traurigkeit, auf und davon!

Sag ihr, ohne sie geht es ganz und gar nicht.

Sag ihr, dass es klingt wie ein Gebet, sie solle zurück kehren,

ich hielte es nicht aus, länger so leiden zu müssen.

Chega de Saudade!

Die Wahrheit ist, ohne sie gibt es keinen Frieden

und auch keine Schönheit.

Was es gibt, das sind Tristesse und Melancholie.

Und die verlassen mich nicht – ohne sie.

Doch kehrte sie zurück, ach –

dann wäre alles schön!

Ach, wie wäre das herrlich!

Im Meer schwimmen weniger Fischchen

als all die Küsschen, die ich ihr auf den Mund gäbe,

hielt’ ich sie in meinen Armen!

Millionen Umarmungen werden es sein, ganz feste, so wie geklebt!

Umarmungen, Küsschen und Zärtlichkeiten ohne Zahl –

alles dafür da, dass du merkst, zu wem du gehörst,

dass wir mit dieser Dummheit aufhören,

dass du fort bist von mir.

Lassen wir die Finger von diesem Unsinn,

dass du ohne mich lebst!

 

 

2.TAMBA-TAJÁ(1934)

Musik- Waldemar Henrique da Costa Pereira(1905-1995)

 

Tamba-tajá

Tamba-tajá, schenk mir das Glück,

zu lieben und

geliebt zu sein!

Lass meine Liebe nur mir gehören,

mir und sonst niemand,

mir allein, nur mir!

 

Tamba-tajá, schenk mir alles Glück! Alles, alles!

Mach, dass unsere Liebe glücklich ist!

Tamba-tajá, sorg dafür, dass niemand zu hören bekommt,

was ich hören durfte...

Und, Tamba-tajá, dass niemand, niemand, niemand in diese Augen so tief blicken darf

wie ich...

 

 

3.AQUARELA DO BRASIL(1939)

Poesie-Ary Barroso(1903-1964)

Musik-Ary Barroso(1903-1964)

 

AQUARELL VON BRASILIEN

 

Brasilien!

Mein brasilianisches Brasilien!

Du Mixtur aus allem, du Mimose,

ich werde dich besingen in meinen Versen!

O Brasilien,

du bist die Samba,

hullahupp,

du hast den Rhythmus im Leib!

O Brasilien,

geliebte Liebe!

Land unseres Herrn!

Brasilien, Brasilien,

für mich – für mich!

 

O, reißt herunter die Vorhänge der Vergangenheit!

Holt sie heraus, die Mãe Preta, aus dem Schlafsaal der Sklaven!

Macht Platz beim Marienfest für den Rei Congo, unseren König des Karnevals!

Brasilien, Brasilien,

lass im melancholischen Mondlicht jetzt wieder den Sänger

alle Lieder meiner Liebe singen!

Ich will die Sá Dona schreiten sehen

durch die kolonial-prächtig’n Säle!

Ich will sehen, wie ihr Kleid über den Boden streift,

ihr Kleid mit dem Spitzenbesatz!

Brasilien, Brasilien,

für mich – für mich!

 

Brasilien, mit deiner reichen Erde

du Land der Schönheit,

du meschugg’ne Mixtur, du verschlag’ne Mimose

neugieriger Blicke!

O Brasilien,

du bist das Grün, bewundert dafür von aller Welt.

O Brasilien,

geliebte Liebe!

Land unseres Herrn!

Brasilien, Brasilien,

für mich – für mich!

 

O Kokospalme, du schenkst uns die Kokosnüsse

und lässt mich meine Hängematte an dich hängen!

Brasilien, Brasilien

hör in klaren Mondnächten

auf deine flüsternden Quellen,

die meinen Durst stillen

und in ihren stillen Wassern den Mond silbern spiegeln.

O dieses Brasilien!

So wunderschön wie wogend reifes Korn!

Das ist mein brasilianisches Brasilien,

Land der Samba und des Pandeiro!

Brasilien, Brasilien,

für mich – für mich!

 

 

4.MINHA TERRA(1923)

Musik- Waldemar Henrique da Costa Pereira(1905-1995)

 

HEIMATLAND

 

Dieses Brasilien, so gross, so geliebt,

unser gelobtes Land!

Heimat der Liebe und der Versprechen.

Alles grün – grün und unser!

Und zutiefst verehrt.

 

 

In schwüler Mondnacht

singt allein gelassen der arme Sertanejo seiner Geliebten

das traurige Lied seines Leids.

 

Hinter den großen Bergen ist am Morgen kühl die Sonne aufgegangen,

nun schmückt sie mit festlichem Rot die Abendstunde.

Diese Sonne, dieser Mond!                                                                                                                            

Diese Flüsse und fallenden Wasser!

Diese Wälder und das Meer!

Diese Palmenwelt!

Alles das bist du, mein Brasilien!

Gott gab es dir.

Gott ist Brasilianer, sicherlich.

Ein Brasilianer, so wie ich!

 

 

5.UIRAPURU(1934)

Musik- Waldemar Henrique da Costa Pereira(1905-1995)

 

UIRAPURU

 

Vor langer Zeit einmal

da fand eine Treibjagd statt auf dem Paraná.

Es stand am Ruder ein eingeborener Schiffer.

Der redete und redete und hörte

nicht auf mit all seiner Rederei.

Ach, sein Gerede nahm und nahm kein Ende!

Ach, was für ein geborener Schwätzer, der eingeborene Schiffer!

 

Vom Werwolf faselte er,

von einer Wassermutter, vom göttlichen Tajá,

und der Jurutahy lächle, mit seinem Schnabel,

entzückt dem Mond zu!...

Ach, ein Vogel lächle den Mond an – wie lächerlich!

Ach, was für ein geborener Schwätzer, der eingeborene Schiffer!

 

Zum Narren wollt’ er uns halten,

getötet habe er Surucucu, die Schlange.

Er schwor obendrein,

gefangen habe er den Uirapuru.

Ach, den Uirapuru eingefangen – im Urwald!

Ach, was für ein geborener Hetzer, der eingeborene Schwätzer!

 

Also, du kleiner Schelm,

schaff auch mir einen heran!

Ich bin gelb vor Gier, so ein Federvieh zu besitzen.

Ein Klitzekleiner tät’ es schon!

Kaum gesagt, hat sich das schwätzende Teufelchen fort gemacht,

ließ mich mit leeren Händen zurück.

Meine letzten Heller kratz’ ich zusammen und kauf’ mir einen!

Und an jenem Tag, wirst schon sehen,

wird was dir so lieb ist, dein ganzes Lügengebilde,

gehörig durcheinander gewirbelt!

Ach, alles, alles, was dir so lieb ist! Du…

Ach, ich schenk’ ihm keine Beachtung, dem Schwätzerschiffer!

 

 

6.SAMBA DE UMA NOTA SÓ(1954)

Poesie- Newton Ferreira de Mendonça (1927-1960)

Musik- Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

SAMBA AUF EINE EINZELNE NOTE

                                      

Voilà, das ist die kleine Samba, exakt gemacht aus einem einzigen Ton.

Andere Töne werden sich dazu gesellen, aber die Basis ist nur dieser eine.

Die anderen Töne gehören dann zu dem einen,

genau so wie ich zu dir gehöre!

Es gibt viele Leute, die viel reden und nichts sagen. Oder fast nichts.

Die ganze Tonskala hab’ schon verwendet und schließlich blieb kaum etwas übrig.

Ich bin einfach zu meiner ersten Note zurück gekehrt,

genau so wie ich immer zu dir zurück kehre.

Mit diesem einen einzigen Ton kann ich erzählen, wie sehr ich dich mag.

Wer alle Töne haben will – do-ré-mi-fá-sol-lá-si-do -

der hat am Ende keinen.

Bleib nur beim einen!

 

 

7.GAROTA DE IPANEMA(1962)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

MÄDCHEN AUS IPANEMA

 

Gross, gebräunt und jung und sexy

geht das Girl aus Ipanema vorbei.

Und geht sie vorbei,

sagt jeder Mann nur

ein Aaaah!

 

Wenn sie geht, ist es wie Samba

die swingt, ganz cool, und so sanft schwingt

Und geht sie vorbei,

sagt jeder Mann nur

ein Aaaah!

 

Oh – doch er besieht sie sehr traurig.

Wie – sagt er ihr nur, dass er sie liebt?

Er – gäb ihr g’rad sein Herz freudig!

 

Tag für Tag wenn sie am Sandstrand geht,

Schaut sie nach vorn und nie zum ihm.

 

Gross, gebräunt und jung und sexy

geht das Girl aus Ipanema vorbei.

Und geht sie vorbei,

strahlt er,

doch sie schaut nicht hin.

Nein, nie schaut sie hin.

Sie schaut niemals hin.

 

 

8.MODINHA (1926)

Poesie-Manuel Bandeira(1886-1968)

Musik-Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

(bezeichnet eine für das brasiliansiche Lied typische Gattung und kennt keine Übersetzung)

 

Deine Liebe, Geliebter, vermag ich nicht zu erringen

und so erstirbt mein Leben an Einsamkeit.

Trotz deiner Verachtung werde ich dich ewig lieben.

Mit trauriger Stimme singe ich dir mein Lied,

für immer will ich dich glücklich wissen.

Doch wird eines Tages deine Freude zu Schmerz,

wirst aus der Vergangenheit du meine Stimme hören.

Voll Zärtlichkeit wiederholt sie dir weich und leis und

beklommen das Bekenntnis meiner Liebe.

 

 

 

9.CANçãO DO AMOR(“Floresta do Amazonas” Zyklus-1958)

Poesie-Dora Vasconcellos(1911-1973)

Musik- Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

LIEBESLIED

 

Azurblau neigt sich der Tag und ich träume

von meinem Geliebten in der Ferne.

Schwer nur erdulde ich den stechenden Schmerz,

der mein Leid nährt,

der meine Wunden wieder und wieder aufreisst.

So lässt die Zeit meine Qualen wachsen und wachsen,

mein Geliebter!

 

So weit fort von dir

quält der Kummer mich.

In meiner traurigen Einsamkeit jedoch

versuche ich immer noch,

dir nah zu sein,

mein Geliebter!

 

Schweigen tut gut, still halten

und wachsen an dem, was ist.

So lebe ich irgendwie und - weine.

Wann kehrst du zu mir zurück? Wann?

 

Die Glut deiner Küsse, ja,

noch immer spüre ich sie in mir.

Doch jedes zärtliche Erinnern

schreckt mich auf und schmerzt.

 

Doch süß wird so die Stunde,

da ich von der Liebe träume.

Ich bin allein und verliebt

und ich spüre die Leidenschaft,

die du einforderst, du, von mir,

mein Geliebter!

 

So weit fort von dir,

ohne deine Nähe

kann doch mein armes Herz

nicht ablassen von dir –

von dir, Geliebter,

mein Geliebter!

 

 

10.CAIR DA TARDE(“Floresta do Amazonas” Zyklus-1958)

Poesie-Dora Vasconcellos(1911-1973)

Musik- Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

DÄMMERUNG

 

Ein Silberreiher gleitet dahin,

der Schatten verweilt,

die Nacht sinkt herab und verdrängt alles Licht.

 

Der Wald ruht,

der Wind verstummt,

ein Blatt fällt leise raschelnd herab.

 

Der Ast knarrt,

das Nest schaukelt,

der Fluss trinkt die Wolken des Himmels.

 

Das Echo schallt herüber

und erstickt die Stimmen,

sie verhallen im Grauen des Tages.

 

 

11.VELEIRO(“Floresta do Amazonas” Zyklus-1958)

Poesie-Dora Vasconcellos(1911-1973)

Musik- Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

SEGELBOOT

 

In silbriger Dämm’rung segeln die Segel über die See,

die Wogen rauschen, sie bauschen sich auf.

Eine heimliche Süße wohnt tief unten in meinem Schmerz um meine tote Liebe –

so viel Traurigkeit ist da wie der Ozeane Wasser, die mich nicht mit fort nehmen.

Immer suchte ich achtsam, dein Herz nie zu kränken.

Himmel, ertränk meinen Kummer in den weichen Wogen des Meeres.

Der kleine weiße Mond, der zunimmt, steigt so langsam herauf am fernen Firmament.

 

 

 

12.CANTO DE XANGÔ(1966)

Poesie- Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik- Baden Powell de Aquino(1937-2000)

 

XANGÔS GESANG

 

Von fern her kam ich,

aus unbestimmten Weiten, ich weiss nicht woher.

Eines Königs Sohn bin ich,

sehr kämpfen musste ich, zu werden, was ich bin.

Schwarz bin ich, schwarz ist meine Haut,

doch in mir ist alles Liebe.

Alles ist Liebe für mich.

Xangô a godo!

Ich rufe aus: Es sei die Zeit der Liebe!

Auch wenn heut der Schmerz in mir ist.

Xangô a godo!

Es lebe mein König, mein schützender Gott!

Es lebe meine Hoffnung!

 

Deine Hautfarbe hat sieben Töne,

wie die sieben Tage, an denen wir lieben können.

 

Es lebe mein König, mein schützender Gott!

Es lebe meine Hoffnung!

Deine Hautfarbe hat sieben Töne,

wie die sieben Tage, an denen wir lieben können.

Doch Lieben ist Leiden

und Lieben heisst Sterben

vor Schmerz.

Xangô, mein Herr, saravá!

Lass mich leiden,

lass mich sterben

aus Liebe!

Es lebe mein König, mein schützender Gott!

Es lebe meine Hoffnung!

 

 

 

13.SAMBA DO AVIÃO(1963)

Poesie- Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

FLUGZEUGSAMBA

 

Eparê aroeira!

Am Rand des Ozeanes ein Kanu,

gepriesen sei Gott in der Höh und Thiago e Humaitá,

die klippenreiche Felsküste für die bösen Fischer des Meeres!

Ach, Xangô, hilf mir, sicher anzukommen!

Meine Seele singt.

Da sehe ich schon Rio de Janeiro.

Da sterbe ich schier vor Sehnsucht.

Rio! Dein Meer! Deine endlosen Strände aus Sand!

Rio! So wie du bist, wurdest du für mich erschaffen!

Cristo Redentor schützt mit seinen ausgebreiteten Armen Guanabara.

Diese Samba gibt es nur, weil – Rio ich liebe dich so sehr!

Hallo, braune Schönheit, du tanzt und dein ganzer Körper wiegt sich im Sambarhythmus!

Rio! Stadt der Sonne, des Himmels, des Meeres –

in ein paar Minuten setzen wir auf in Galeão.

Rio de Janeiro, Rio de Janeiro, Rio de Janeiro...

Cristo Redentor schützt mit seinen ausgebreiteten Armen Guanabara.

Diese Samba gibt es nur, weil – Rio ich liebe dich so sehr!

Hallo, braune Schönheit, du tanzt und dein ganzer Körper wiegt sich im Sambarhythmus!

Schnall den Gurt fest, wir kommen gleich an!

Die Pfützen auf der Landebahn glitzern,

die Piste kommt näher -

wir sind da!

 

 

 

14.CORCOVADO(1960)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

CORCOVADO

 

Irgendwo hier ein Flecken, eine Gitarre und

deine Liebe!

Und mein Lied, um dich

glücklich zu machen.

Ruhe und die Muße, nachzudenken. Eine Zeit,

zu träumen und aus dem Fenster zu blicken

hinauf auf den Corcovado und Cristo Redentor!

Wie schön ist alles das!

Ich wollte, es wäre das Leben immer so schön,

so schön – mit dir,

bis einmal unsere Flamme erlöschen muss!

Ich war voller Trauer,

hatte den Glauben an die Welt verloren,

doch dann entdeckte ich das Glück,

das Glück – da ich dich traf, meine Liebe!

 

 

15.EU SEI QUE EU VOU TE AMAR(1958)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

ICH WEISS, DASS ICH DICH LIEBEN WERDE

 

Ich weiss, dass ich dich lieben werde.

Mein ganzes Leben lang

werde ich dich lieben.

Bei jedem Abschied, werde ich dich mehr lieben denn zuvor.

Verzweifelt werde ich dich lieben.

Und jeder Vers, den ich schreibe, schreibe ich,

dir zu sagen, dass ich dich ein ganzes Leben lang lieben werde.

Und jeder Vers, den ich schreibe, schreibe ich,

weil ich weiss, dass ich dich mein ganzes Leben lang lieben werde.

Ich weiss,

ich werde weinen, jedesmal, gehst du fort von mir,

ich werde weinen ja auch bei jeder Rückkehr von dir!

Dein Zurückkommen wird dein Fortsein vergessen machen.

Ich weiss,

ich werde leiden –

übervoll der Erwartung, mit dir leben zu können mein Leben lang.

 

 

 

16.RETRATO(1969)

Poesie-Cecília Meireles(1091-1964)

Musik-Ronaldo Miranda(1948)

 

BILDNIS

 

So starr, so streng und traurig –

mein Gesicht da,

es gehört mir nicht.

Auch diese leeren Augen nicht

und die schmalen Lippen nicht,

diese schlaffen Hände nicht,

so regunglos, so kalt und tot.

Nichts rührt,

dieses Herz hier,

es gehört mir nicht.

Ich bemerkte es nicht,

ich veränderte mich.

In welche Spiegel bist du verschlossen,

du, mein Antiltz?

 

 

17.OUVE O SILÊNCIO(“Canções  de Amor“ Zyklus-1958-1960)

Poesie- Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Cláudio Santoro(1919-1989)

 

HÖR DER STILLE ZU

 

Hör die Stille! Ja?

Sie verkündet uns,

unsere Liebe ist eine verbotene

und darf nicht leben.

Wir schweigen.

Leise flüstern wir uns ein Geheimnis zu,

Verse von unserer Liebe Hoffnung.

Ja, meine Geliebte!

Sing laut von des Lebens Schönheit,

von der Sonne und der Fröhlichkeit der Liebenden hier

in ihrer großen Einsamkeit.

 

 

 

18.ACALANTO DA ROSA(“Canções  de Amor“ Zyklus-1958-1960)

Poesie- Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Cláudio Santoro(1919-1989)

 

WIEGENLIED VON DER ROSE

 

Am Himmel droben schläft ein Stern

und im Meer der Mond.

Die Rose, die schlummert in ihrem Garten –

so wie in mir die Liebe.

So mild wie der Rose Duft und sanft

ist der Schlaf meiner Liebe.

Leise Schritte, kein lautes Wort –

friedlich und rein und unendlich

ist meiner Liebe Schlaf.

 

 

19.AMOR QUE PARTIU(“Canções de Amor“ Zyklus-1958-1960)

Poesie- Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Cláudio Santoro(1919-1989)

 

DIE LIEBE, DIE FORT GING

 

Der Schmerz,

sich nach der einen zu sehnen,

der Schmerz,

mit der Geliebten ein Leben nicht teilen zu können,

der Schmerz,

der niemand zu verzeihen vermag.

Meine Liebe,

die kein Erbarmen kennt mit mir, ging fort.

Meine Blume, meine Leidenschaft!

Meine Liebe, die du fort gingst,

hab doch Erbarmen mit mir!

Komm zu mir! Komm ganz nah zu mir,

der ich zerbreche an dieser Einsamkeit,

diesem so furchtbaren Schmerz.

 

 

 

20.NOVELOZINHO DE LINHA

Poesie-Manuel Bandeira(1886-1968)

Musik-Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

WOLLKNÄUELCHEN

 

Hin und her fliegt       

das Wollknäulchen!

Hin und her springt’s

von Kinderhand,

hüpft und schwingt verwickelt

daher, hierhin bis

es einschläft, das Kind, pssst!

Gerad’ noch vor und zurück und dann

fällt's zu Boden, das Wollknäulchen...

 

 

21.EPIGRAMMA(1921)

Poesie-Ronald de Carvalho(1893-1935)

Musik-Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

SPOTTGEDICHT

 

Ein Käfer fliegt hierhin und dorthin,

auf weit offner Rosenblüte

lässt sich er sich nieder.

Wind kommt auf.

Der Käfer flattert davon.

Da welkt die Rose und

ihrer Blüte Blätter fallen zur Erde.

 

 

22.SOLIDÃO(1920)

Poesie- Rui Esteves Ribeiro de Almeida Couto(1898-1963)

Musik-Heitor Villa-Lobos(1887-1959)

 

EINSAMKEIT 

 

Da draussen, vom Dach,

tropft der Regen

so immerfort gleich und so melodiös,

als sänge wer von seinem Schmerz.

An so einem Tag,

da draussen vom Dach

der Regen tropfte,

gingst du fort…

 

 

 

23.FOTOGRAFIA(1959)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

FOTOGRAFIE

 

Du und ich, wir zwei allein,

auf dem Felsplateau hoch überm Meer,

die Sonne geht unter

und in deinen Augen

seh’ ich die Farben der See ihr Spiel treiben.

Es ist Zeit zum Aufbruch,

der Tag ist vorüber,

die Schatten strecken ihre Arme aus nach der Nacht,

die Sonne versinkt im Meer

und ein erleuchtetes Fenster lockt unten am Strand.

Nur du und ich,

du und ich, wir zwei allein

in dieser Bar hier bei gedämpftem Licht,

der Vollmond steigt herauf aus der See,

bald schließt die Bar, doch für dich und mich,

wird weiter fort ein Lied gespielt.

Es erzählt eine Geschichte, die unsre ist.

Es ist die ewige Geschichte vom Begehren.

Und dann – in einem Augenblick – der Kuss.

 

 

24.DESAFINADO(1958)

Poesie-Vinícius de Moraes(1913-1980)

Musik-Antônio Carlos Jobim/Tom Jobim(1927-1994)

 

VERSTIMMT

 

Wenn ich singen muss,

hältst du es nicht aus!

Immer klagst du die selben Klagen!

Du schimpfts, ich intoniere falsch und könne nicht singen.

Du bist so hübsch, aber all deine Schönheit kann auch irgendwann enden...

Du stöhnst, wie ich falsch singe, Liebste!

Weißt du, wie schmerzlich das ist für mich?

Wenige Menschen haben so gute Ohren wie du...

Ich hab’ nur, was Gott mir gab.

Doch du insistierst, du klassifizierst, du sezierst mein Talent,

nennst schräg meinen Gesang...

Ich darf wohl anmerken, singe ich den Bossa Nova, gehört das doch dazu!

Was du wohl nicht weisst und vielleicht gar nicht wissen willst, das ist:

Auch ein schräger Sänger hat ein Herz!

Mit der Rolleyflex hab’ ich dich fotografiert.

Die Negative offenbarten sofort deine enorme Undankbarkeit.

Das kannst du doch nicht fortgesetzt tun, so unschön zu sprechen über meine Liebe zu dir!

Sie ist das weit und breit Grösste, das du kriegen kannst.

Du mit deinem Musikideal vergisst das Wichtigste:

Tief drinnen und verschwiegen schlägt auch in des schrägen Sängers Brust ganz insgeheim

ein Herz!

 

 

25.COMO NOSSOS PAIS(1976)

Poesie- Antônio Carlos Gomes Belchior Fontenelle Fernandes/Belchior(1946)

Musik-Belchior(1946)

 

WIE UNSERE ELTERN

 

Ich will dir nicht erzählen, meine grosse Liebe,

was mich die Langspielplatten gelehrt haben.

Ich will dir hier erzählen, meine grosse Liebe,

wie ich gelebt habe und was mir geschah.

Leben ist besser als träumen

und ich weiss, die Liebe ist eine gute Sache.

Doch ich weiss auch, jedes Lied ist nicht so wertvoll wie eines Menschen Leben.

Gib gut acht auf dich, mein Schatz, Gefahr lauert um die Ecke.

Die Signale sind auf Rot geschaltet von den Mächtigen

für alle, die jung sind,

die wünschen, einen Bruder freudig lautstark zu umarmen

und ihr Mädchen zu küssen auf der Strasse.

Dafür haben wir Arme, Stimmen und unsre Lippen!

Du fragst nach meiner Leidenschaft?

Ich bin entzückt, was ich hier neu entdecke.

Ich bleib’ in dieser Stadt, werd’ nicht weichen oder mich verzieh’n aufs Land!

Ich weiss, ein Sturm kommt und mit ihm der Atem einer neuen Zeit.

Ich weiss, was in der offenen Wunde meines Herzens gärt.

Ich weiss, wie lang es schon ist, dass ich dich auf off’ner Strasse mit off’nem Haar

im heit’ren Kreis der jungen Freunde sah.

An den Mauern meiner Erinnerung prangen die düst’ren Gemälde des Schmerzes,

der spürbar bleibt – trotz allem, was wir schon getan.

Wir sind die Selben.

Der Schein der Dinge täuscht uns nicht.

Wir sind die Selben, leben uns’ren Eltern nach.

Unsere Ideale sind noch wie die ihren.

Du sagst, nach ihnen gäbe es nichts mehr.

Dann sag, dass ich mich irre – dass ich fantasiere!

Doch du – du hängst an der Vergangenheit und kannst nicht sehen,

wie das Neue immer kommt!

Heut’ weiss ich, wer mich auf die Ideen brachte für das Neue und das uns’rer Jugend.

Die Eltern – zuhause, beschützt von Gott, zählen ihr Kleingeld heut’!

Der Schmerz bleibt spürbar – trotz allem, was wir schon getan.

Wir sind die Selben.

Wir sind die Selben, leben uns’ren Eltern nach.